Neurodivergenz verstehen, Verhalten einordnen
Vor einiger Zeit sagte eine Frau in einem Gespräch zu mir einen Satz, der mir geblieben ist:
„Ich dachte immer, ich sei einfach zu dünnhäutig für diese Welt.“
Sie war Ende dreißig, beruflich erfolgreich und hatte einen großen Teil ihres Lebens damit verbracht, sich selbst ein bisschen weniger empfindlich machen zu wollen. Weniger schnell erschöpft von vielen Menschen. Weniger berührt von Stimmungen. Weniger überwältigt von Lärm, Konflikten oder zu vielen Eindrücken gleichzeitig.
Zum ersten Mal begegnete ihr nun eine andere mögliche Erklärung für das, was sie ihr Leben lang an sich beobachtet hatte.
Nicht: Mit mir stimmt etwas nicht.
Sondern zunächst einmal: Mein Nervensystem verarbeitet Umwelt möglicherweise anders.
Ich finde diesen Unterschied wichtig. Nicht, weil damit plötzlich jede Schwierigkeit erklärt wäre. Und auch nicht, weil Hochsensibilität eine Art positives Gegenlabel für all die Jahre sein sollte, in denen Menschen sich als „zu empfindlich“ erlebt haben.
Sondern weil sich dahinter eine wissenschaftlich interessante Frage verbirgt:
Reagieren Menschen unterschiedlich stark auf die Bedingungen, unter denen sie leben?
Die Forschung sagt inzwischen ziemlich deutlich: Ja.
Und genau dort wird Hochsensibilität auch für die Neurokompetenz interessant.
In der Forschung wird meist nicht von Hochsensibilität gesprochen, sondern von Sensory Processing Sensitivity, kurz SPS.
Das Konzept wurde in den 1990er Jahren insbesondere durch Elaine und Arthur Aron wissenschaftlich beschrieben. Gemeint ist damit eine individuelle Ausprägung von Sensitivität gegenüber inneren und äußeren Reizen und deren Verarbeitung.
Menschen unterscheiden sich darin, wie stark sie auf ihre Umwelt reagieren. Manche nehmen Veränderungen schnell wahr, verarbeiten Eindrücke intensiv und reagieren stärker auf sensorische, emotionale oder soziale Reize. Andere Nervensysteme scheinen gegenüber denselben Einflüssen weniger responsiv zu sein.
Wichtig ist mir dabei die Formulierung: mehr oder weniger responsiv.
Denn „sensibler“ wird im Alltag schnell mit schwächer, instabiler oder weniger belastbar übersetzt. Wissenschaftlich ist das so nicht gemeint.
Sensory Processing Sensitivity wird als relativ stabiles, teilweise erblich beeinflusstes Persönlichkeits beziehungsweise Temperamentsmerkmal untersucht. Sie ist keine psychische Erkrankung und keine medizinische Diagnose.
Und sie ist auch keine klar abgegrenzte Kategorie von Menschen.
Das finde ich besonders wichtig.
Wir haben nicht auf der einen Seite „die Hochsensiblen“ und auf der anderen Seite „die Nicht Hochsensiblen“. Sensitivität lässt sich vielmehr als Kontinuum verstehen. Menschen unterscheiden sich darin, wie empfänglich sie für Einflüsse ihrer Umwelt sind.
Wo genau wir auf diesem Kontinuum die Grenze ziehen und jemanden als hochsensibel bezeichnen, ist deshalb auch eine Frage der jeweiligen Messung und Definition.
Vielleicht ist das weniger griffig als eine eindeutige Prozentzahl.
Aber es ist wissenschaftlich ehrlicher.
In Psychologie und Entwicklungsforschung wurde lange besonders intensiv untersucht, warum manche Menschen unter belastenden Lebensbedingungen psychische Schwierigkeiten entwickeln und andere nicht.
Ein bekanntes Erklärungsmodell dafür ist das Diathese Stress Modell.
Vereinfacht gesagt geht es davon aus, dass Menschen unterschiedliche Vulnerabilitäten mitbringen. Treffen eine erhöhte Vulnerabilität und belastende Umweltbedingungen zusammen, steigt das Risiko für ungünstige Entwicklungsverläufe.
Das ist ein wichtiger Gedanke.
Aber möglicherweise beschreibt er nur einen Teil dessen, was wir beobachten.
Denn was wäre, wenn Menschen, die besonders stark auf schwierige Bedingungen reagieren, nicht grundsätzlich verletzlicher wären?
Was wäre, wenn sie schlicht empfänglicher für Umweltbedingungen insgesamt wären?
Genau an dieser Stelle setzt das Modell der Differential Susceptibility an, das insbesondere mit den Arbeiten von Jay Belsky und Michael Pluess verbunden ist.
Die Idee dahinter verändert den Blick ziemlich grundlegend.
Differential Susceptibility beschreibt die Annahme, dass Menschen sich darin unterscheiden, wie stark Umweltbedingungen ihre Entwicklung beeinflussen.
Ein Mensch mit höherer Umweltsensitivität kann unter ungünstigen Bedingungen stärker belastet sein.
Unter unterstützenden Bedingungen kann derselbe Mensch aber möglicherweise auch stärker profitieren.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Denn plötzlich sprechen wir nicht mehr über ein Nervensystem, das grundsätzlich schlechter mit der Welt zurechtkommt.
Wir sprechen über ein Nervensystem, das stärker auf Welt reagiert.
Auf Belastung ebenso wie auf Unterstützung.
Auf Unsicherheit ebenso wie auf Sicherheit.
Auf schwierige Beziehungserfahrungen ebenso wie auf verlässliche Beziehungen.
Sensitivität wäre aus dieser Perspektive also nicht ausschließlich ein Risikofaktor.
Sie wäre zunächst einmal eine Form erhöhter Empfänglichkeit.
Und ich glaube, genau an diesem Punkt verändert sich für viele Menschen etwas im eigenen Verständnis.
Hier lohnt sich eine kleine wissenschaftliche Unterscheidung.
Die Begriffe werden im Alltag häufig vermischt, beschreiben aber nicht exakt dasselbe.
Sensory Processing Sensitivity bezeichnet das individuelle Merkmal beziehungsweise die Ausprägung von Umweltsensitivität.
Differential Susceptibility beschreibt ein theoretisches Modell, nach dem sich Menschen in ihrer Empfänglichkeit für sowohl ungünstige als auch günstige Umweltbedingungen unterscheiden.
Und Vantage Sensitivity richtet den Blick gezielt auf die andere Seite: Menschen unterscheiden sich auch darin, wie stark sie von positiven Erfahrungen und unterstützenden Interventionen profitieren.
Warum ist diese Unterscheidung wichtig?
Weil wir sonst aus einer interessanten Forschungslinie sehr schnell eine zu einfache Geschichte machen:
„Hochsensible Menschen leiden mehr, aber profitieren dafür auch immer mehr.“
So eindeutig können wir es für den einzelnen Menschen nicht sagen.
Forschung beschreibt Wahrscheinlichkeiten und Zusammenhänge auf Gruppenebene. Sie erlaubt uns nicht, aus einem Merkmal vorherzusagen, wie sich ein bestimmtes Kind oder ein bestimmter Erwachsener entwickeln wird.
Aber sie gibt uns einen wichtigen Hinweis:
Die Umwelt ist nicht für alle Menschen gleich wirksam.
Und das hat weitreichende Konsequenzen.
Stellen wir uns zwei Kinder in derselben Schulklasse vor.
Beide hören dieselbe ungeduldige Stimme einer Lehrkraft. Beide erleben denselben hektischen Übergang. Beide sitzen im selben lauten Raum.
Von außen könnte man sagen: Die Bedingungen sind doch für alle gleich.
Aber gleiche Bedingungen bedeuten nicht automatisch gleiche Wirkung.
Das eine Kind hat den Moment kurze Zeit später weitgehend hinter sich gelassen.
Das andere beschäftigt sich vielleicht noch Stunden damit. Es erinnert sich an den Tonfall, hat die Anspannung im Raum wahrgenommen, verarbeitet das Geschehen weiter und braucht länger, bis sein Nervensystem wieder in einen weniger aktivierten Zustand findet.
Das bedeutet nicht automatisch, dass dieses Kind hochsensibel ist.
Und es bedeutet auch nicht, dass jede intensive Reaktion mit Sensory Processing Sensitivity erklärt werden sollte.
Aber es zeigt etwas, das wir in Pädagogik und Familie manchmal vergessen:
Wir können die Wirkung einer Umgebung nicht allein daran beurteilen, wie wir selbst sie erleben.
Dass etwas für mich „gar nicht so laut“, „nicht so schlimm“ oder „doch nur eine kleine Veränderung“ war, sagt wenig darüber aus, wie es im Nervensystem eines anderen Menschen angekommen ist.
Genau hier berühren sich Hochsensibilitätsforschung und Neurokompetenz sehr unmittelbar.
Ich finde einen Gedanken aus dieser Forschung besonders schön.
Wenn wir ein sensibles Kind unterstützen, tun wir das nicht nur, damit es weniger leidet.
Wir schaffen Bedingungen, unter denen Entwicklung möglich wird.
Das klingt ähnlich, ist aber etwas anderes.
Denn wenn wir Hochsensibilität ausschließlich unter dem Aspekt des Schutzes betrachten, entsteht schnell das Bild eines Kindes, das vor der Welt bewahrt werden muss.
Leiser Raum. Weniger Anforderungen. Weniger Menschen. Weniger Reize.
Natürlich können Entlastung und Rückzug wichtig sein.
Aber Neurokompetenz bedeutet nicht, einem Kind möglichst jede Aktivierung zu ersparen.
Es geht um Passung.
Um ein Maß an Herausforderung, das Entwicklung ermöglicht, ohne dauerhaft zu überfordern.
Um verlässliche Beziehungen.
Um genügend Erholung nach intensiven Situationen.
Um Orientierung, wenn etwas unvorhersehbar wird.
Und auch darum, einem Kind etwas zuzutrauen.
Ein sensibles Nervensystem braucht nicht automatisch eine kleinere Welt.
Es braucht eine Welt, in der seine Art der Verarbeitung mitgedacht wird.
Wenn ein Kind nach einem Schultag vollkommen erschöpft nach Hause kommt, können wir fragen:
„Warum ist das für dich immer so anstrengend?“
Wir können aber auch fragen:
„Was war heute eigentlich alles anstrengend?“
Das klingt fast gleich.
Ist es aber nicht.
Die erste Frage richtet den Blick sehr schnell auf das Kind.
Die zweite öffnet den Blick für das Zusammenspiel zwischen Kind und Umwelt.
Vielleicht waren es die Geräusche.
Vielleicht die vielen sozialen Informationen.
Vielleicht drei ungeplante Vertretungsstunden.
Vielleicht ein Konflikt in der Pause.
Vielleicht das permanente Bemühen, sich nichts anmerken zu lassen.
Vielleicht war es auch etwas ganz anderes.
Wir wissen es zunächst nicht.
Und genau deshalb sollten wir nicht zu schnell erklären.
Auch Hochsensibilität darf nicht zur nächsten Antwort werden, die wir über einen Menschen legen.
Dieser Punkt ist mir gerade heute besonders wichtig.
Viele Merkmale, die Menschen mit Hochsensibilität verbinden, können auch in anderen Zusammenhängen auftreten.
Sensorische Empfindlichkeit kann beispielsweise bei Autismus oder ADHS eine Rolle spielen. Intensive emotionale Reaktionen können sehr unterschiedliche Ursachen haben. Erschöpfung nach sozialen Situationen, Rückzugsbedürfnis, Schwierigkeiten mit Veränderungen oder eine starke Wahrnehmung von Details sind ebenfalls nicht spezifisch für Hochsensibilität.
Das bedeutet nicht, dass Hochsensibilität deshalb „eigentlich Autismus“ oder „eigentlich ADHS“ wäre.
Auch diese Verkürzung wäre wissenschaftlich nicht sauber.
Es bedeutet lediglich: Ähnliche sichtbare Phänomene können unterschiedliche Hintergründe haben.
Deshalb ist mir der neurokompetente Blick so wichtig.
Beobachten.
Hypothesen bilden.
Zusammenhänge verstehen.
Und bereit bleiben, die eigene Erklärung wieder zu verändern.
Wir müssen nicht aus jedem sensiblen Kind eine Diagnose machen.
Aber wir sollten auch nicht jede Auffälligkeit mit Hochsensibilität erklären, nur weil sich der Begriff zunächst passend anfühlt.
Beides wird dem einzelnen Menschen nicht gerecht.
Das Institut für Neurokompetenz ist aus der langjährigen Arbeit rund um Hochsensibilität entstanden.
Seit 2019 beschäftigen wir uns intensiv mit der Frage, was hohe Sensitivität für Kinder, Erwachsene, Familien und pädagogische Fachkräfte bedeutet.
Mit der Zeit wurde dabei etwas immer deutlicher:
Wenn wir Menschen wirklich verstehen wollen, können wir einzelne Merkmale nicht dauerhaft isoliert betrachten.
Wir begegneten Überschneidungen mit ADHS, Autismus, Hochbegabung und anderen neurokognitiven Profilen. Wir beschäftigten uns intensiver mit Wahrnehmung, Interozeption, Regulation, exekutiven Funktionen, Camouflaging und der Frage, wie sehr Verhalten von den jeweiligen Bedingungen abhängt.
Aus diesem Weg ist schließlich das Institut für Neurokompetenz entstanden.
Nicht als Abkehr von der Hochsensibilität.
Eher als Erweiterung des Blicks.
Hochsensibilität bleibt ein wichtiger Teil unserer fachlichen Arbeit. Heute betrachten wir sie jedoch stärker eingebettet in die größere Frage, die uns eigentlich von Anfang an beschäftigt hat:
Wie unterschiedlich nehmen Menschen Welt wahr und was bedeutet das für die Bedingungen, die sie brauchen?
Vielleicht ist die wichtigste Konsequenz aus der Forschung deshalb gar keine Liste von Dingen, die hochsensible Menschen tun oder vermeiden sollten.
Viel hilfreicher finde ich, die eigene Aufmerksamkeit für Passung zu schärfen.
Ein Kind, das nach der Schule regelmäßig erschöpft ist, braucht vielleicht nicht sofort ein festes „Hochsensibilitätsprogramm“. Es braucht Erwachsene, die gemeinsam mit ihm herausfinden, was Kraft kostet und was Kraft zurückgibt.
Ein Kind, dem Übergänge schwerfallen, kann von mehr Vorhersagbarkeit profitieren.
Ein Mensch, der viele Eindrücke intensiv verarbeitet, braucht möglicherweise nach reizreichen Situationen mehr Zeit, bis wieder Kapazität verfügbar ist.
Und jemand, der sehr stark auf zwischenmenschliche Stimmungen reagiert, profitiert vielleicht besonders von klarer, verlässlicher Kommunikation.
Dabei geht es nicht darum, das Leben vollkommen reizarm zu gestalten.
Es geht darum, den eigenen Umgang mit Reizen, Anforderungen und Erholung besser kennenzulernen.
Und vor allem darum, Sensitivität nicht ausschließlich dort wahrzunehmen, wo sie Schwierigkeiten macht.
Denn dieselbe Offenheit für Umwelt, die unter ungünstigen Bedingungen belastend sein kann, kann in anderen Situationen mit feiner Wahrnehmung, intensiver Verarbeitung und einer hohen Responsivität auf unterstützende Bedingungen verbunden sein.
Welche Stärken daraus bei einem einzelnen Menschen entstehen, lässt sich allerdings nicht aus dem Merkmal ableiten.
Auch das gehört für mich zu einem respektvollen Blick auf Hochsensibilität.
Nicht jede hochsensible Person ist besonders empathisch.
Nicht jede ist kreativ.
Nicht jede nimmt jede Stimmung im Raum wahr.
Menschen bleiben Menschen und keine Merkmalslisten.
Ich denke manchmal an den Satz aus diesem Gespräch zurück.
„Ich dachte immer, ich sei einfach zu dünnhäutig für diese Welt.“
Vielleicht liegt genau darin eines der Probleme unserer Sprache.
Denn „zu empfindlich“ enthält bereits einen Maßstab.
Zu empfindlich für was?
Für einen lauten Raum?
Für einen bestimmten Umgangston?
Für permanente Erreichbarkeit?
Für häufige Wechsel?
Für eine Umgebung, die wenig Zeit zur Verarbeitung lässt?
Sensitivität entsteht natürlich im Menschen.
Ob sie zur Belastung, zur Ressource oder meistens zu einer Mischung aus beidem wird, lässt sich aber nicht unabhängig von den Bedingungen betrachten, unter denen dieser Mensch lebt.
Und genau deshalb finde ich die Forschung zur Umweltsensitivität so bedeutsam.
Sie lädt uns dazu ein, nicht nur auf den Menschen zu schauen, der stärker reagiert.
Sondern auch auf das, worauf er reagiert.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Brücken zwischen Hochsensibilität und Neurokompetenz.
Nicht zu fragen:
Wie wird dieser Mensch weniger empfindlich?
Sondern genauer verstehen zu wollen:
Was geschieht zwischen diesem Menschen und seiner Umwelt?
Denn manchmal liegt die Veränderung nicht darin, ein Nervensystem weniger sensibel zu machen.
Sondern darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen es mit seiner Sensitivität gut leben und sich entwickeln kann.
Ist Hochsensibilität dasselbe wie Introvertiertheit?
Nein. Die beiden Merkmale können gemeinsam auftreten, sind aber nicht dasselbe. Sensory Processing Sensitivity beschreibt Unterschiede in der Empfänglichkeit und Verarbeitung von Umweltreizen. Introversion und Extraversion beziehen sich auf andere Persönlichkeitsdimensionen. Ein hochsensibler Mensch kann entsprechend introvertiert oder extrovertiert sein.
Kann man Hochsensibilität testen lassen?
Für die wissenschaftliche Erfassung von Sensory Processing Sensitivity gibt es Fragebögen, darunter die von Aron und Aron entwickelte Highly Sensitive Person Scale sowie inzwischen weitere Instrumente für unterschiedliche Altersgruppen. Sie können Hinweise auf die individuelle Ausprägung von Sensitivität geben. Eine medizinische Diagnostik im klassischen Sinn gibt es nicht, da Hochsensibilität keine Erkrankung und keine klinische Diagnose ist.
Wie viele Menschen sind hochsensibel?
Hier lohnt sich etwas Vorsicht. Häufig findet man die Angabe von etwa 15 bis 20 Prozent. Neuere Arbeiten haben Modelle vorgeschlagen, nach denen ungefähr ein Viertel bis ein Drittel der untersuchten Personen einer Gruppe mit höherer Sensitivität zugeordnet werden kann. Solche Gruppen hängen jedoch von Messinstrument, Stichprobe und statistischer Einteilung ab. Wissenschaftlich sinnvoller ist es deshalb, Sensitivität zunächst als Dimension zu verstehen und nicht als harte Grenze zwischen „hochsensibel“ und „nicht hochsensibel“.
Wächst sich Hochsensibilität aus?
Sensory Processing Sensitivity wird als relativ stabiles Merkmal untersucht. Das bedeutet aber nicht, dass Menschen ihr Leben lang auf dieselbe Weise auf ihre Umwelt reagieren. Entwicklung, Erfahrungen, Beziehung, Stress, Selbstkenntnis und Lebensbedingungen beeinflussen, wie Sensitivität erlebt wird und wie gut ein Mensch mit seinen individuellen Bedürfnissen umgehen kann.
Ist Hochsensibilität eine Form von Neurodivergenz?
Hier gibt es keine einheitliche wissenschaftliche Festlegung. Neurodivergenz ist selbst kein medizinisch diagnostischer Begriff, sondern stammt aus dem Neurodiversitätsdiskurs. Hochsensibilität beziehungsweise Sensory Processing Sensitivity wird wissenschaftlich als Temperaments beziehungsweise Persönlichkeitsmerkmal untersucht und nicht als neuroentwicklungsbedingte Diagnose. In unserer Arbeit betrachten wir hohe Sensitivität im größeren Rahmen menschlicher neurobiologischer und neurokognitiver Vielfalt, ohne daraus eine Gleichsetzung mit ADHS oder Autismus abzuleiten.
Wie kann ich mich fundiert im Bereich Neurokompetenz spezialisieren?
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ÜBER DIE AUTORIN

Svenja Kunert
Svenja Kunert ist Psychologin, Vizepräsidentin des Instituts für Neurokompetenz und Expertin für Neurodivergenz. In ihrer Arbeit verbindet sie psychologisches Fachwissen mit einem praxisnahen, neurokompetenten Blick auf menschliches Erleben und Verhalten.
Ihr Fokus liegt darauf, komplexe Zusammenhänge verständlich zu vermitteln und daraus konkrete Handlungskompetenz für Alltag, Bildung und Begleitung abzuleiten.
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